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Ab in die Mitte

Creditreform Unternehmermagazin

Creditreform Magazin, 10.12.2010


Mitteldeutschland ist ein hervorragender Industrie- und High-Tech-Standort - vor allem für Mittelständler.

Metropolregionen wurden einst erfunden, um Bürgern mehr Freiheiten, Unternehmern mehr Flächen und Kämmerern mehr Geld zu verschaffen. Deshalb vernetzen sich auch in Deutschland die Städte zu größeren „Verflechtungsräumen“, mal schneller, wie in Berlin-Brandenburg, Bremen, Hamburg oder Nürnberg, mal langsamer, wie in Frankfurt, Hannover, München oder Stuttgart, mal in pragmatischer Eintracht, wie an Rhein und Neckar, mal im polyzentrischen Einerlei, wie an Rhein und Ruhr. So unterschiedlich die Ausgangssituationen und die Strategien sind und so bereitwillig sich die Länder und Kommunen für das Thema auch öffnen, eins ist sicher: Wenn es um die Bewahrung gewachsener Interessen geht, dann machen die Politiker die Schotten dicht. Dann endet die Barrierefreiheit zwischen Kreisen und Städten. Dann ist Schluss mit dem Schulterschluss in der Metropolregion.

In dieses auf die Sicherung von Erbhöfen und die Verhinderung von neuen Machtzentren bedachte Umfeld passt auch der letzte Großraum, den „Creditreform“ im Rahmen der zehnteiligen Serie unter die Lupe genommen hat: die Metropolregion Mitteldeutschland. Wie anderswo, so gibt es in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt ebenfalls Landräte, die darauf bedacht sind, ihre Positionen und Privilegien zu verteidigen, Bürgermeister, die um jeden Gewerbesteuer-Euro ringen, und Ministerpräsidenten, die den Einfluss der Wirtschaft auf Abstand halten. Doch in einem Punkt sind die Wirtschaftsförderer aus dem Osten ihren Kollegen aus dem Westen voraus: in der Umsetzung einer Standortpolitik des 21. Jahrhunderts.

Der Antrieb, sich intensiver mit Kompetenznetzwerken und Branchenclustern auseinanderzusetzen, entspringt dabei nicht so sehr der Entfaltung marktwirtschaftlicher Kräfte, sondern ist das Ergebnis staatlicher Unterstützung. Die Palette der Förderinstrumente ist breit und reicht von Programmen wie „InnoRegio“, „Inno-Watt“, „Pro Inno II“, „ForMaT“ über „Vorlaufforschung“, „Wachstumskerne“, „Unternehmen Region“ bis zur „Spitzenforschung und Innovation in den Neuen Ländern“ (siehe Kasten Service). Mehr als 80 Prozent aller kontinuierlich forschungstreibenden Unternehmen Ostdeutschlands nehmen mindestens eine Fördermaßnahme in Anspruch. Die gewaltigen Transferleistungen haben Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und auch Berlin seit der Wiedervereinigung zweifellos nach vorn gebracht. Die Frage ist nur: Wie lange wird, wie lange kann das so weitergehen? Noch fließt das Geld für den Aufbau Ost. Noch lassen die degressive Ausgestaltung des Solidarpakts II und die langen Förderperioden des EU-Strukturfonds den Ministerpräsidenten Raum für die Anpassung. Allzu viel Zeit bleibt den Politikern aber nicht mehr. In spätestens zehn Jahren muss der Durchbruch gelingen. Werden die neuen Länder das schaffen?

Zumindest in Mitteldeutschland sind die Aussichten gut. Trotz der A-Probleme - Arbeitslosigkeit, Abwanderung, Alterung, Armut, Ausländerfeindlichkeit - geht es im wirtschaftlichen Kernraum des Ostens aufwärts. Von 2000 bis 2008 wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Sachsen um 15,7, in Thüringen um 13,1 und in Sachsen-Anhalt um 10,5 Prozent. Pro Einwohner lagen die Zuwachsraten sogar bei 20 Prozent. Selbst auf die Zahl der Erwerbstätigen bezogen liegt das BIP in Mitteldeutschland an der Spitze aller Bundesländer. 2009 gab es zwar einen Dämpfer, doch der Rückgang blieb unterhalb des Durchschnitts von minus fünf Prozent. 2010 geht es, wie überall in Deutschland, auch im Osten wieder aufwärts. Zusammengenommen erreichte Mitteldeutschland im vergangenen Jahr ein BIP von 193,3 Milliarden Euro, rund acht Prozent des gesamtdeutschen Bruttoinlandsprodukts. Sachsen ragt überdies mit einer niedrigen Pro-Kopf-Verschuldung und einer hohen Investitionsquote heraus. Die beiden anderen Bundesländer erreichen dieses Niveau zwar nicht, können mit den alten Ländern aber durchaus mithalten.

Zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall hat die Region daher Potenzial genug, um die nächsten Herausforderungen in Angriff zu nehmen. Denn noch ist die industrielle Wertschöpfung zu gering, die Abwanderung zu hoch und die Struktur der Betriebe zu kleinteilig. Während die Warenausfuhr steigt, spielt der Kapitalexport so gut wie keine Rolle. Weil keines der 100 größten deutschen Unternehmen seinen Sitz in Mitteldeutschland hat, bleibt die Region auch von relevanten Innovationsprozessen abgekoppelt. Mitteldeutschland ist nach wie vor ein Produktionsstandort, über dessen Schicksal anderswo entschieden wird.

Durch den versperrten Zugang zu den wichtigen Entscheidern hat sich eine Wirtschafts- und Industrieforschungsstruktur herausgebildet, die zwar gut vernetzt und mittelständisch geprägt ist, deren Erfolg aber auf einem wackeligen Fundament steht. „Es ist bisher einfach zu wenig Eigenkapital kumuliert worden“, weiß Andreas Aumüller, Geschäftsführer der Creditreform Dresden Aumüller KG. Hinzu kommen Nachfolgeprobleme. Viele Unternehmer waren bereits bei der Firmengründung im vorgerückten Alter. „Die sind jetzt um die 70“, so Aumüller. Auch zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall ist die Insolvenzgefahr daher groß. Der Creditreform Risiko-Indikator (CRI), der die Ausfallwahrscheinlichkeit regelmäßig misst, weist für alle drei Länder Werte aus, die schlechter sind als der Bundesdurchschnitt.

Am stärksten macht sich der Mangel an kapitalstarken Konzernen in der Forschung bemerkbar. 2007 betrug der Anteil der Ausgaben für Forschung & Entwicklung (F&E) am Bruttoinlandsprodukt in Sachsen 2,3, in Thüringen 1,86 und in Sachsen-Anhalt 1,18 Prozent. Die Werte lagen damit unter dem ohnehin schon geringen deutschen Durchschnitt von 2,54 Prozent. Das eigentliche Problem ist jedoch nicht die Höhe der Ausgaben, sondern die Entstehung des Wissens. Denn noch immer arbeiten zu viele Forscher außerhalb der Wirtschaft. In Mitteldeutschland entfallen 45 Prozent der F&E-Ausgaben auf diesen Sektor. Im Bundesdurchschnitt sind es 74 Prozent. Bei der Akquisition von Drittmitteln – zum Beispiel Unternehmensaufträgen - schneiden die Länder aus dem Osten daher schlecht ab. Auch direkte Befragungen unter Wissenschaftlern haben, so der Stifterverband für die deutsche Wissenschaft, „eine eher ge¬ringe Forschungsreputation der ostdeut¬schen Hochschulen“ ergeben. Das hat Folgen. Von den 47.859 Patenten, die deutsche Firmen und Erfinder im vergangenen Jahr angemeldet haben, entfielen auf Sachsen 1.167, auf Thüringen 604 und auf Sachsen-Anhalt 290 Patente. Pro 100.000 Einwohner sind das in Sachsen 28, in Thüringen 27 und in Sachsen-Anhalt 13 Anmeldungen. Zum Vergleich: in Baden-Württemberg liegt die Pro-Kopf-Ausbeute bei 144 und in Bayern bei 101.

Dabei gibt es durchaus Potenzial für technologischen Fortschritt, vor allem in Sachsen und in Thüringen. 2007 entschieden sich in Sachsen 27 Prozent der Studienanfänger für eine ingenieurwissenschaftliche Ausbildung (Bundesdurchschnitt: 18 Prozent). 23 Prozent machten einen Abschluss in diesem Fachbereich (Bundesdurchschnitt: 16 Prozent). Zu Recht gilt Sachsen daher als »Ingenieurschmiede« Deutschlands. Wie viel High-Tech-Potenzial im Freistaat steckt, belegt auch der zweite Pisa-Test aus dem Jahr 2006, wonach Sachsens Schüler in den Disziplinen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften den ersten Platz errangen. In der naturwissenschaftlichen Kompetenz sind – weltweit betrachtet - nur die Finnen besser. Thüringens Schüler schnitten ebenfalls überdurchschnittlich gut ab.

Da sich nach der Wende insbesondere hochinnovative Unternehmen im Osten angesiedelt haben, sieht der Stifterverband daher beste Chancen im Bereich der Spitzentechnologien. Immerhin beheimatet Mitteldeutschland zwei der fünf „Spitzencluster“, die im ersten Wettbewerb des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) die offizielle Anerkennung erhielten: Das Cluster „Cool Silicon“ der Region Dresden, in dem energieeffiziente Informationstechnologien („Grüne Elektronik“) entwickelt werden, sowie das „Solarvalley Mitteldeutschland“, das in der Photovoltaik deutschlandweit führend ist.

Auch in der Netzwerk- und Clusterbildung, also der räumlichen Konzentration wichtiger Branchen, ist Mitteldeutschland weit vorn, so weit jedenfalls, dass selbst die Harvard Business School die „Cluster Mobilization in Mitteldeutschland“ in die Lehrpläne aufgenommen hat. In nur wenigen Jahren sind funktionsfähige Netzwerke entstanden. Als richtungweisend gelten folgende Cluster:

•   Cluster Chemie/Kunststoffe.

Unter Führung Sachsen-Anhalts ist es gelungen, Wertschöpfungsketten und Stoffverbünde aufzubauen und das Modell der „Chemieparks“ umzusetzen. Im Zentrum stehen dabei die Standorte Leuna, Bitterfeld-Wolfen, Schkopau und Zeitz (alle Sachsen-Anhalt), Böhlen (Sachsen) und Schwarzheide (Brandenburg). Jeder Chemiepark hat zwar eine eigene Positionierung, unter dem Dach des „Central European Chemical Network (CeChemNet)“ treten die sechs Standorte aber geeint auf. Einig sind sich die Politiker und Wirtschaftsförderer auch darin, anwendungsnahe Forschungszentren auszubauen und wichtige Branchen, wie die Biotechnologie, die Solarindustrie, die Automobil- und die Ernährungswirtschaft, enger an das Chemiedreieck zu binden.

•   Cluster Automotive.

Die Grundlage sind Fertigungsstätten: VW in Dresden („Gläserne Manufaktur“), Zwickau und Chemnitz, Opel in Eisenach sowie Porsche und BMW in Leipzig. In Zukunft wollen die Mitteldeutschen aber nicht nur produzieren, sondern auch mitgestalten. In Sachsen-Anhalt entsteht daher das „Institut für Kompetenz in Automobilität (IKAM)“, und in Chemnitz wurde jüngst das „Exzellenzzentrum Automobilproduktion“ eröffnet, in dem Volkswagen und die Fraunhofer-Gesellschaft die Führung in der ressourceneffizienten Produktion anstreben.

•   Cluster Solarwirtschaft.

In Mitteldeutschland werden rund 90 Prozent der in Deutschland produzierten Solarzellen hergestellt. 65 Prozent der Photovoltaik-Unternehmen haben hier ihren Sitz. Der Anteil an den weltweit produzierten Solarzellen beträgt 18 Prozent. Ex-Bundesumweltminister Klaus Töpfer regte in der „Mitteldeutschen Zeitung“ sogar an, die Region Bitterfeld-Wolfen zum Nukleus der erneuerbaren Energien weiterzuentwickeln.

•   Cluster Mikroelektronik.

Dresden ist heute ein bedeutender Standort für Mikroelektronik. In rund 1.500 Unternehmen arbeiten 43.000 Beschäftigte. „Silicon Saxony“ wurde mit massiver staatlicher Hilfe aufgebaut und hat bereits alle Höhen und Tiefen dieser Branche durchgemacht, von der Pleite des Halbleiterproduzenten Qimonda bis zur milliardenschweren Kapazitätserweiterung des Chipherstellers Globalfoundries.

Große Bedeutung haben außerdem die Cluster Biotechnologie/Life Science, Informationstechnologie sowie das Kompetenznetz Optische Technologien („OptoNet“) in Thüringen.

Fazit:

Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer geht die Ära der Transferleistungen langsam zu Ende. Die Europäische Kommission wird Ostdeutschland in drei Jahren vermutlich aus der Höchstförderung streichen. Gleichzeitig schwindet das Verständnis der Westdeutschen für weitere Solidaritätsleistungen und wächst im Länderfinanzausgleich der Widerstand der Geberländer. Selbst die Bundesregierung, die sich zum Soli bekennt, ist fest entschlossen, die Sonderzuweisungen zu drosseln. „Die anfängliche Fixierung auf den Bund weicht einer wachsenden Eigenverantwortung der Länder und Kommunen. Die anfängliche Konzentration auf staatliche Vorleistungen wird zurückgehen, unternehmerische Initiative wird stärker wahrgenommen werden“, steht im Bericht zum Stand der Deutschen Einheit, den der Bundesinnenminister zum zwanzigsten Jahrestag der Wiedervereinigung vorgelegt hat.

Die Botschaft ist in Mitteldeutschland zwar gehört worden, doch die Entschlossenheit, mit der die Landespolitiker jetzt das Ruder herumreißen müssten, ist noch nicht erkennbar. Stattdessen regiert der Rotstift, steigt das Armutsrisiko, verlieren die Länder ihre besten Leute. Wenn jetzt der Wissensstrom in Richtung kleine und mittlere Unternehmen versiegt, die Gründerwelle im High-Tech-Bereich abebbt, die Investitionen in die Infrastruktur verschoben werden sowie die Arbeitskosten und – wie in Sachsen-Anhalt – die Gewerbesteuerhebesätze kräftig steigen, dann droht die gute Entwicklung auf halbem Weg steckenzubleiben. Schlimmer noch: Je härter die Regionen um Fördergelder kämpfen müssen und je schärfer sich andere Wirtschaftsräume positionieren, desto schneller bricht die Metropolregion auseinander und desto weiter in die Ferne rückt die Vision eines gemeinsamen Bundeslands Mitteldeutschland.

Schon jetzt gibt es reichlich Widerstand. Für die Kritiker ist Mitteldeutschland ein Kunstname: volksfern, geografisch unscharf und aufgrund des wirtschaftlichen Gefälles nicht durchsetzbar. Vor allem die Sachsen im Großraum Dresden sind skeptisch. Andreas Aumüller von der Creditreform Dresden sieht sogar mehr Gemeinsamkeiten zwischen Sachsen und Bayern als zwischen Sachsen und Sachsen-Anhalt. Es gibt aber auch Befürworter, die einen Zusammenschluss in den nächsten zehn Jahren für möglich halten. Dazu gehören Burkhard Jung (OB Leipzig), Dagmar Szabados (OB Halle) und Dr. Albrecht Schröter (OB Jena), allesamt von der SPD. Deren Vorstoß wird gern als Sommerlochdebatte abgetan, ist in Wirklichkeit aber mehr als ein Pausenfüller. Denn Jena ist Thüringens Wirtschaftsmotor, Halle ist ein bedeutender Chemie-Standort und Leipzig verfügt über den wichtigsten Messeplatz, den größten Flughafen, den Mitteldeutschen Rundfunk, die Wirtschaftsinitiative für Mitteldeutschland und versteht sich gemeinsam mit Halle als „Leuchtturm Mitteldeutschlands“.

Noch stehen alle drei Städte im Schatten von Dresden, Magdeburg und Erfurt, deren Bürgermeister sich von der Nähe zur Landesregierung mehr erhoffen als von der Idee eines gemeinsamen Bundeslandes. Doch das kann sich ändern. „Der Begriff Mitteldeutschland ist inzwischen sehr verbreitet, vom MDR bis zu den Gewerkschaften, Kirchen und Verbänden, die sich mitteldeutsch organisieren“, weiß Prof. Dr. Georg Frank, Erster Vorsitzender der Wirtschaftsinitiative für Mitteldeutschland GmbH und ehemaliger Chef von Bayer Bitterfeld (siehe Interview auf Seite…). Wie sich Mitteldeutschland entwickelt, das zeigt eine bundesweite Befragung, die die Wirtschaftsinitiative beim Leipziger Instituts für Marktforschung in Auftrag gegeben hat. Danach ist Mitteldeutschland für 41 Prozent der Befragten „innovativ“, für 56 Prozent „sympathisch“ und für 48 Prozent sogar „historisch gewachsen“. Die Städte, die der Region zugeordnet werden, sind Dessau, Dresden, Erfurt, Gera, Halle, Jena, Leipzig und Magdeburg.

Spitzenreiter ist allerdings nicht wie erhofft Leipzig, sondern Erfurt. Schließlich kommt es nur dort, wie der Slogan der thüringischen Landeshauptstadt schwärmt, zum „Rendezvous in der Mitte Deutschlands“.

Autor: Peter Stippel

Interview mit Prof. Dr. Georg Frank, Erster Vorsitzender der Wirtschaftsinitiative für Mitteldeutschland GmbH, über den Wirtschaftsraum Mitteldeutschland



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